Allgemein

Konzerninitiative

Eine Initiative für die Würde der Menschen

Entgegen der landläufigen Meinung, dass sich «die Kirche» immer in «die Politik» einmischt, gibt die Schweizer Bischofskonferenz sehr selten ein Votum ab, wenn es um eine konkrete Abstimmung in der Schweiz geht. Für die Konzernverantwortungsinitiative hat sie es getan. Zusammen mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, der Schweizerischen Evangelischen Allianz, dem Verband der Freikirchen Schweiz VFG und dutzenden christlicher Organisationen engagiert sie sich für die Annahme der Initiative. Und das aus gutem Grund, denn die Konzernverantwortungsinitiative fordert eine Selbstverständlichkeit:

Unternehmen mit Sitz in der Schweiz sollen dafür haften, wenn ihre Tochterfirmen in anderen Ländern Menschenrechte verletzen und Umweltstandards nicht einhalten. Sie sollen für verursachte Schäden an Menschen und Natur geradestehen. Die Konzernverantwortungsinitiative gründet damit auf zwei zentralen Anliegen der biblischen Botschaft: Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung. Die Kirche hat eine Verantwortung, für diese Grundsätze einzustehen, sie anzumahnen – weltweit.

Breite Unterstützung

Bischof Markus Büchel macht, als Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz, deutlich, dass es die Konzernverantwortungsinitiative braucht, denn «der Schutz der Menschenrechte und der Schöpfung muss weltweit gelten». «Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Deshalb wird die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz immer ihre Stimme erheben, um die Schweiz an ihre Verantwortung für die Menschen im globalen Süden zu erinnern», so das Präsidium der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Für Claudia Haslebacher, Vize-Präsidentin des VFG, kam der Entscheid zur Unterstützung nicht überraschend: «Die Unterstützung der Initiative ist für uns als Freikirchen Schweiz eine solche Selbstverständlichkeit, dass die Leiterkonferenz diese einstimmig beschlossen hat.»

Es geht um die Würde der Menschen, umfassend und ganz praktisch am Beispiel der Arbeitsbedingungen in Ländern des Südens. Wir im reichen Norden, in der Schweiz, profitieren davon, dass Menschen keine andere Wahl haben, als Arbeitsstellen anzunehmen, die ihr Leben gefährden. Sie erinnern sich bestimmt an die grosse Katastrophe, als vor zehn Jahren ein Hochhaus in Bangladesch einstürzte und über Tausend Näherinnen in den Trümmern starben. Sie hatten bei den Verantwortlichen regelmässig gemeldet, dass die Wände Risse hatten, das Gebäude wackelte – nichts geschah. Bei uns wäre das undenkbar. Warum müssen Menschen – um zum Beispiel billige T-Shirt und Jeans für uns zu nähen – unter Bedingungen arbeiten, die ihre Gesundheit, ihr Leben gefährden?

Biblische Motivation

In der Bibel gibt es eine praktische Anweisung: Man soll dem Ochsen beim Dreschen nicht das Maul verbinden (Buch Deuteronomium 25, 4). Übertragen heisst das, man darf jemanden, der Arbeit leistet, den angemessenen Lohn oder Gewinn nicht vorenthalten. Paulus zieht den Gedanken weiter: Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn (1. Timotheusbrief, 5,18). Und noch grosszügiger ist Jesus. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäusevangelium 20, 1-16) bekommen alle am Abend gleich viel, egal, wie lange sie gearbeitet haben. Sie bekommen so viel wie sie brauchen, um ihre Familie an diesem Tag vernünftig ernähren zu können. Wie weit weg von dieser Utopie sind wir doch, wenn wir die Besitzverhältnisse global anschauen.

Und noch ein anderer Aspekt kommt mir in den Sinn: wie oft wird bemängelt – gelegentlich auch zu Recht – dass die sogenannte Entwicklungshilfe zu wenig effizient eingesetzt wird und zu wenig wirkliche Verbesserung bringt. Einen viel grösseren Einfluss auf die Lebensbedingungen und Chancen der Menschen in den armen Ländern hätte es, anständige Löhne zu zahlen und zukunftssichere Arbeitsplätze zu schaffen. Genau das wäre eine wirksame Massnahme, dass weniger Menschen sich zur Migration gezwungen sähen.

Ich bin froh um das klare Wort der Verantwortlichen in den Kirchen und kann mich dem nur anschliessen.

Luisa Heislbetz