Archiv für die Kategorie „Gedankensplitter“

Baustelle und Talstation

Ende April stand ein grosses Paket vor dem Haupteingang unserer Kirche in Bellach. Neugierig, wer da wohl etwas geliefert hatte, oder ob es vielleicht gar nicht für uns war, las ich den Lieferschein. Es war die Adresse der Kirche mit der Bemerkung «Lieferbedingungen: franko Baustelle oder Talstation.»
Baustelle Franko Baustelle oder Talstation – das brachte mich zum Schmunzeln. Ist das nicht eine gute Ortsangabe für eine Kirche? Vor allem die Bezeichnung als Baustelle leuchtet mir unmittelbar ein. Als Bischof Felix zum Bischof geweiht wurde, war die Kathedrale eine Baustelle. Er nahm das als Aufhänger für einen ersten Hirtenbrief und liess sich auf dem Kathedralen-Gerüst fotografieren. Die Bellacher Kirche ist nicht eingerüstet, sie steht. Aber vieles ist in Bewegung, in Arbeit: Wir haben die Baustelle einer Homepage für den Pastoralraum, die Baustelle, den Gottesdienstplan bis Herbst zu organisieren, bis Hans Zünd als Leitender Priester diese Verantwortung übernimmt. Wir sind an der Planung des neuen Schuljahres mit den verschiedenen Feiern. Die Taufpastoral ist für mich eine Baustelle, der ich in Zukunft besondere Aufmerksamkeit schenken möchte. Das sind konkrete Dinge, die vor allem das Seelsorgeteam im Pastoralraum beschäftigen.
Und dann gibt es die grossen Themen, die hinter diesen Aufgaben stehen: Wie gelingt es, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben? Wie sprechen wir mit Menschen, deren Lebenswelt nicht mehr die traditionell kirchliche ist? Wie finden wir eine Sprache, die Menschen verstehen? Wie gelingt es uns, Menschen in ihrer Suche nach Sinn, nach Ausrichtung im Leben zu begleiten? Gerade für diese grossen Themen ist es fünf nach zwölf, schreibt Martin Werlen, der ehemalige Abt von Einsiedeln in seinem viel beachteten neuen Buch – und er meint es als Ermutigung!
Talstation Die Adressangabe «Talstation» machte mir zuerst mehr Mühe. Sie lädt zu sehr dazu ein, in Erde, d. h. unten bei den Menschen, und Himmel, Gott, oben, einzuteilen. Diese Spaltung möchte ich lieber nicht aufrechterhalten. Jesus wäre umsonst Mensch auf Erden geworden, wenn nicht Gott ganz unter uns sein möchte, wenn er sich von fernab gelegentlich uns zuwendete. Es gab Zeiten in der Kirchengeschichte, da dachte man so. Zum Glück gab es immer Gegenbewegungen, die gerade Gott in allen Dingen betonten, zum Beispiel die grosse Mystikerin Theresa von Avila. Seit dem II. Vatikanischen Konzil ist es besonders die Befreiungstheologie, die Gott und Welt untrennbar zusammendenkt und an die soziale Verpflichtung des Evangeliums erinnert. Gleichzeitig geschieht so vieles, dass ich Gott auf der Erde oft sehr vermisse. Wie zeigt er sich an seiner Talstation Kirche und Welt? Ich nehme das Wort «Tal» ganz wörtlich: Tal, das ist der tiefste Punkt, ganz unten, wie der Ranft, die Schlucht, in der Bruder Klaus gelebt hat. Am Tiefpunkt, am Grund, hat er mit Gott geredet. «Aus meines Herzens Grunde …» singen wir in einem Kirchenlied.
Ein banaler Lieferschein hat mich zum Nachdenken gebracht. Ausgehend vom Stichwort Baustelle bin ich auf meine Aufgaben, meine Arbeit gestossen worden. Das Stichwort von der Talstation hat ein paar bruchstückhafte Gedanken über Gott und sein Verhältnis zur Welt angestossen. Ich hoffe, die beiden Stichworte treffen sich im Alltag und bringen Anstoss und Anregung in meine Arbeit. Und falls Sie nun interessiert, was in dem Paket war: Es war ein technisches «Teil» für die Heizung. Etwas, wovon ich gar nichts verstehe. Luisa Heislbetz

Gedankensplitter – Beatrice Fessler-Roth

Südwestwärts geht es zu Beginn. Im kargen Larzac ein erster Halt bei Freunden.
Sie laden uns am Abend zum Konzert ein im ehemaligen Kloster Silvanès. Es wird
heute als kulturelles Zentrum genutzt. Man spürt den Geist der Ruhe noch immer
gut. Wir erleben vier Künstler aus China, der Mongolei, Schweden und Frankreich,
die ihre alten Saiteninstrumente in hoher Perfektion und trotzdem mit einem
lächelnden Herzen spielen. Es ist ein Gottesgeschenk.
Einen Tag später führt uns die Reise am Morgen durch das Levézou, weit weg von
viel befahrenen Strassen. Winzige Dörfer träumen in der Hitze. Riesige Kornfelder
und Sonnenblumen bis zum Horizont prägen die hügelige Landschaft. In einem
dieser kleinen Orte, in St. Maurice, entdecken wir ein Kloster. Wir halten an,
suchen den Eingang der Kirche und hören rechtzeitig, dass ein paar dünne Frauenstimmen
singen. Leise treten wir ein und dürfen uns dem Gottesdienst anschliessen.
Sechs Benediktinerinnen, eine Frau, ein Mann, wir Fahrende in den Bänken
und der Priester werden zu einer kleinen Gemeinschaft des Glaubens. Es ist ein
ganz besonders «sonntägliches» Gefühl an einem Montag! Gestärkt reisen wir
weiter.
Kirchen und kleine Kapellen, im romanischen Stil und häufig dem drohenden
Zerfall preisgegeben, begleiten unseren Weg. Wir entdecken alte Bilder, Fresken,
wunderbare Fenster und finden immer wieder eine Stille, die guttut.
In den Pyrenäen besuchen wir Klöster aus dem Mittelalter. Eines davon ist St.
Martin de Canigou. Wie ein Adlernest liegt es am Abhang des «heiligen
Berges» der Katalanen, dem höchsten Gipfel des Canigou. Am frühen Morgen
steigen wir eine Dreiviertelstunde steil hinauf an diesen Ort des Friedens. Die
Besucher dürfen sich nur mit einem Führer in der Kirche, der Krypta und dem
Kreuzgang aufhalten. Wohltuendes Schweigen wird freundlich empfohlen. So ist
es möglich, den lebendigen Schilderungen des Bruders zu folgen. Es sei eine
Gemeinschaft von fünf Brüdern und Schwestern und sieben Laien, die hier auf
1300 m an diesem Ort in benediktinischem Geist zusammenleben. Auch hier
finden wir eine Welt, die uns auf unserer Reise, später dann auch im Alltag,
begleiten möge.
Noch warten einige Kostbarkeiten auf unserer Weiterreise. Und immer wieder
denke ich dabei an Sie alle in Bellach. Von Herzen wünschen wir beide, mein
treuer Weggefährte Jürg und ich, Ihnen immer wieder Momente des klösterlichen
Friedens.
Béatrice Fessler-Roth

Gedankensplitter – Beatrice Fessler-Roth

Grosser Geist, gib, dass ich meinen Nachbarn nicht eher tadle, als bis ich eine Meile in seinen Mokassins gewandert bin. Indianisches Gebet

Vor ein paar Wochen ist ein Teil meiner Kindheit verschwunden. Er hat mich bis in die Jugendzeit begleitet: Winnetou. Immer wieder ist er mir bis heute in besonderer Weise begegnet. Nun ist er gestorben, jener Darsteller des schönen Häuptlings der Apatschen aus den Filmen, Pierre Brice. Unter der Bettdecke gelesen, die Bücher von Karl May, verboten eigentlich, weil das keine Literatur für Mädchen sei und überhaupt… Ein Ausschnitt des Films Winnetou I brachte mich dazu, kürzlich abends, als der PC zur Ruhe geschickt war, das Buch in die Hand zu nehmen – und ich vergass die Zeit. Der innere Film funktionierte wie damals.

Viel später geschah es, dass nun ein junger Mann zu unserer Verwandtschaft zählt, dessen Vater zum Stamm der Lakotas gehört hat. Und an einer Weihnachtsfeier im Familienkreis sass tatsächlich sein Vater, ein richtiger Indianer im Lederhemd und Stirnband über dem langen schwarzen Haar mit am Tisch! Er wollte seine neuen Angehörigen einmal sehen und war aus den Black Hills (North Dakota USA) hergereist. Ich erinnere mich an die Überraschung bei unserem Eintreten in die Stube, als wäre es gestern gewesen. Und ein bisschen etwas von Winnetou begegnete uns in diesem Mann. Schweigsam sass er da, sein freundliches Gesicht mit dem ruhigen Blick machte dieses Weihnachtsessen zu etwas Unvergesslichem.

In den folgenden Jahren habe ich mit Schülern über die Religion des indianischen Volkes nachgedacht. Die Gebete haben Mädchen und Jungen angesprochen. Die Sorgfalt im Umgang mit der Natur, die Würde, die das Volk den Tieren verlieh, sind dies doch Themen, die unsere Welt heute beschäftigen. Auch wenn Karl May die Indianer etwas überhöht darstellte, ihre Haltung und die Lebensweise kann nicht einfach als sentimentaler Kitsch abgetan werden. Wenn ich Bücher aufschlage und darin Texte und Gebete eines tiefen Glaubens finde, dann finde ich auch den Geist Gottes. Lesen Sie einmal die Rede Sitting Bulls: «Die Erde gehört uns nicht». Was Sie finden, sind absolut christliche Gedanken.

So bin ich mit folgendem Gebet der Navajo-Indianer in diesen drei Wochen unterwegs in den Cevennen und nehme alle mit, denen die Indianer einer vergangenen Zeit im Herzen präsent geblieben sind.

Grosser Geist, ich freue mich, denn aus den Tälern und Schluchten wird Glück zu mir kommen. Von den glatten Steinen des heiligen Berges tropft Freude herunter. Von der Hütte kommt Licht und Wärme – umstrahlt von der Sonne. Von den Felsen träufelt Wohlwollen, beglückendes Echo kommt von den Wänden der Täler. Der Wind bringt Wärme, die Vögel lauschen seinem Gesang. Ich will meine Füsse baden im Tau, will mich durchdringen lassen von allem, was da ist. Mit den Sonnenstrahlen kommt Freude in mein Herz. Alles wird gut, alles wird schön werden. Grosser Geist, hörst du mein Lied?

Béatrice Fessler-Roth

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