Archiv für die Kategorie „Gedankensplitter“

Gedankensplitter – Beatrice Fessler-Roth

Südwestwärts geht es zu Beginn. Im kargen Larzac ein erster Halt bei Freunden.
Sie laden uns am Abend zum Konzert ein im ehemaligen Kloster Silvanès. Es wird
heute als kulturelles Zentrum genutzt. Man spürt den Geist der Ruhe noch immer
gut. Wir erleben vier Künstler aus China, der Mongolei, Schweden und Frankreich,
die ihre alten Saiteninstrumente in hoher Perfektion und trotzdem mit einem
lächelnden Herzen spielen. Es ist ein Gottesgeschenk.
Einen Tag später führt uns die Reise am Morgen durch das Levézou, weit weg von
viel befahrenen Strassen. Winzige Dörfer träumen in der Hitze. Riesige Kornfelder
und Sonnenblumen bis zum Horizont prägen die hügelige Landschaft. In einem
dieser kleinen Orte, in St. Maurice, entdecken wir ein Kloster. Wir halten an,
suchen den Eingang der Kirche und hören rechtzeitig, dass ein paar dünne Frauenstimmen
singen. Leise treten wir ein und dürfen uns dem Gottesdienst anschliessen.
Sechs Benediktinerinnen, eine Frau, ein Mann, wir Fahrende in den Bänken
und der Priester werden zu einer kleinen Gemeinschaft des Glaubens. Es ist ein
ganz besonders «sonntägliches» Gefühl an einem Montag! Gestärkt reisen wir
weiter.
Kirchen und kleine Kapellen, im romanischen Stil und häufig dem drohenden
Zerfall preisgegeben, begleiten unseren Weg. Wir entdecken alte Bilder, Fresken,
wunderbare Fenster und finden immer wieder eine Stille, die guttut.
In den Pyrenäen besuchen wir Klöster aus dem Mittelalter. Eines davon ist St.
Martin de Canigou. Wie ein Adlernest liegt es am Abhang des «heiligen
Berges» der Katalanen, dem höchsten Gipfel des Canigou. Am frühen Morgen
steigen wir eine Dreiviertelstunde steil hinauf an diesen Ort des Friedens. Die
Besucher dürfen sich nur mit einem Führer in der Kirche, der Krypta und dem
Kreuzgang aufhalten. Wohltuendes Schweigen wird freundlich empfohlen. So ist
es möglich, den lebendigen Schilderungen des Bruders zu folgen. Es sei eine
Gemeinschaft von fünf Brüdern und Schwestern und sieben Laien, die hier auf
1300 m an diesem Ort in benediktinischem Geist zusammenleben. Auch hier
finden wir eine Welt, die uns auf unserer Reise, später dann auch im Alltag,
begleiten möge.
Noch warten einige Kostbarkeiten auf unserer Weiterreise. Und immer wieder
denke ich dabei an Sie alle in Bellach. Von Herzen wünschen wir beide, mein
treuer Weggefährte Jürg und ich, Ihnen immer wieder Momente des klösterlichen
Friedens.
Béatrice Fessler-Roth

Gedankensplitter – Beatrice Fessler-Roth

Grosser Geist, gib, dass ich meinen Nachbarn nicht eher tadle, als bis ich eine Meile in seinen Mokassins gewandert bin. Indianisches Gebet

Vor ein paar Wochen ist ein Teil meiner Kindheit verschwunden. Er hat mich bis in die Jugendzeit begleitet: Winnetou. Immer wieder ist er mir bis heute in besonderer Weise begegnet. Nun ist er gestorben, jener Darsteller des schönen Häuptlings der Apatschen aus den Filmen, Pierre Brice. Unter der Bettdecke gelesen, die Bücher von Karl May, verboten eigentlich, weil das keine Literatur für Mädchen sei und überhaupt… Ein Ausschnitt des Films Winnetou I brachte mich dazu, kürzlich abends, als der PC zur Ruhe geschickt war, das Buch in die Hand zu nehmen – und ich vergass die Zeit. Der innere Film funktionierte wie damals.

Viel später geschah es, dass nun ein junger Mann zu unserer Verwandtschaft zählt, dessen Vater zum Stamm der Lakotas gehört hat. Und an einer Weihnachtsfeier im Familienkreis sass tatsächlich sein Vater, ein richtiger Indianer im Lederhemd und Stirnband über dem langen schwarzen Haar mit am Tisch! Er wollte seine neuen Angehörigen einmal sehen und war aus den Black Hills (North Dakota USA) hergereist. Ich erinnere mich an die Überraschung bei unserem Eintreten in die Stube, als wäre es gestern gewesen. Und ein bisschen etwas von Winnetou begegnete uns in diesem Mann. Schweigsam sass er da, sein freundliches Gesicht mit dem ruhigen Blick machte dieses Weihnachtsessen zu etwas Unvergesslichem.

In den folgenden Jahren habe ich mit Schülern über die Religion des indianischen Volkes nachgedacht. Die Gebete haben Mädchen und Jungen angesprochen. Die Sorgfalt im Umgang mit der Natur, die Würde, die das Volk den Tieren verlieh, sind dies doch Themen, die unsere Welt heute beschäftigen. Auch wenn Karl May die Indianer etwas überhöht darstellte, ihre Haltung und die Lebensweise kann nicht einfach als sentimentaler Kitsch abgetan werden. Wenn ich Bücher aufschlage und darin Texte und Gebete eines tiefen Glaubens finde, dann finde ich auch den Geist Gottes. Lesen Sie einmal die Rede Sitting Bulls: «Die Erde gehört uns nicht». Was Sie finden, sind absolut christliche Gedanken.

So bin ich mit folgendem Gebet der Navajo-Indianer in diesen drei Wochen unterwegs in den Cevennen und nehme alle mit, denen die Indianer einer vergangenen Zeit im Herzen präsent geblieben sind.

Grosser Geist, ich freue mich, denn aus den Tälern und Schluchten wird Glück zu mir kommen. Von den glatten Steinen des heiligen Berges tropft Freude herunter. Von der Hütte kommt Licht und Wärme – umstrahlt von der Sonne. Von den Felsen träufelt Wohlwollen, beglückendes Echo kommt von den Wänden der Täler. Der Wind bringt Wärme, die Vögel lauschen seinem Gesang. Ich will meine Füsse baden im Tau, will mich durchdringen lassen von allem, was da ist. Mit den Sonnenstrahlen kommt Freude in mein Herz. Alles wird gut, alles wird schön werden. Grosser Geist, hörst du mein Lied?

Béatrice Fessler-Roth

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