Herzlich Willkommen…
Jesus und “die Lehre”
Es ist zwar schon ein paar Wochen her. Losgelassen hat mich das Büchlein von nur 120 Seiten des nicht mehr ganz jungen Professors noch immer nicht. Zeit zum Lesen war mir während einigen Tagen in den Bergen geschenkt. Als der Frühling richtig aufblühte, wurde mir eine Grippe zugemutet – und neben der Teetasse lag es wieder, das Büchlein.
Hubertus Halbfas ist einer meiner Lehrer, der mich sehr geprägt hat. Wagt er doch Dinge beim Namen zu nennen, die mir aus dem Herzen gesprochen sind. So heisst es im Klappentext seines neuesten Buches „Glaubensverlust“: „Den Schlüssel zur Überwindung der Krise findet Halbfas beim historischen Jesus selbst, der mit seinem Leben und seiner Botschaft in den Glaubensbekenntnissen der Kirche nicht vorkommt.“
Der Autor geht mit der Institution Kirche hart ins Gericht. Er macht selbst Paulus gleich zu Beginn den Vorwurf, dass in seinem Evangelium ein Wechsel von der nicht bestreitbaren Wahrheit des gelebten Lebens – das Evangelium Jesu, zur stets bestreitbaren Wahrheit eines theologischen Lehrsystems stattgefunden habe.
Diese Lehre sei als Dogma festgeschrieben und verlange von den Gläubigen Glaubensgehorsam. Wir kennen die Geschichte: Viele Menschen sind gefoltert und getötet worden, weil sie „ungehorsam“ waren. Heute wird niemand mehr getötet, wenn er kirchliche Dogmen in Frage stellt oder gar ignoriert, jedenfalls nicht physisch. Was aber ist mit dem Ausschliessen von geschiedenen Wiederverheirateten von der Eucharistie? Und wie steht es um die Verurteilung von Homosexuellen? Sind sie von Gott nicht angenommen, wie sie sind und dürfen gleichberechtigt ihr Leben führen wie alle anderen? Zwei Beispiele nur:
So wird der italienische Philosoph Gianni Vattino zitiert: „… Die einzige uns durch die Heilige Schrift geoffenbarte Wahrheit, die im Laufe der Zeit keine Mythisierung erfahren hat, da es sich um einen praktischen Appell handelt, ist die Wahrheit der Liebe.“ „Nur dort, wo die Liebe zum Nächsten gelebt wurde, wird die freimachende erlösende Wahrheit, von der das Evangelium spricht, erfahren“, so schreibt Halbfas weiter. Die Befreiungstheologie, welche das Evangelium der Liebe lehrt und sonst nichts, könnte der Kirche, also uns, als Nachfolgende der Lehre Jesu, Wegweiserin sein. Sie ist die Stimme jener, welche in der Gesellschaft stumm sind und deshalb ungehört.
Evangelium heisst Frohbotschaft. Es ist die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, der Zusage des Heils Gottes für alle. Und dennoch tritt oftmals das paulinische Evangelium von der Verkündigung des Gekreuzigten und Auferstandenen an seine Stelle: Durch den Sühnetod Jesu Christi sei das ewige Leben für die Menschen erschlossen und damit das Heil geschenkt. Was Jesus jedoch verkündet und gelebt hat, ist etwas ganz Anderes.
Oder glauben Sie an einen Gott, der für unsere Verfehlungen einen Sühnetod verlangt? Das unbequeme, aufrührende Buch, im wahrsten Sinn des Wortes, wird nicht so schnell weggelegt.
Béatrice Fessler-Roth
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